die andere Musik

   
 
Zürich, 8. Juni 2009

Zum heutigen 80. Geburtstag von SERGE STAUFFER (8. Juni 1929 - 17. September 1989) eine Homage mit 3 Bildern, plus Nachruf & Biographie. Darsteller: Serge Stauffer (*1967). Photographie: Adrian Elsener. Konzept: Veit F. Stauffer

Liebe Freundinnen & Freunde, geschätztes Publikum !

1998 bekam ich eine Mail mit Absender Serge Stauffer und dachte zuerst an einen Scherz. Der ahnungslose Namensvetter und "Doppelgänger" meines Vaters bat um die Erlaubnis, dem Rec Rec eine Demo-CD zusenden zu dürfen. Seither waren wir in losem Kontakt, aber begegnet sind wir uns erst Anfang 2009 zur Fotosession, aus Anlass einer Konzeptarbeit zum Thema "Doppelgänger", die ich mir kurz zuvor ausgedacht hatte. Vier Figuren, die mich stark beeinflusst oder meinem Leben einen wichtigen Inhalt gegeben haben.

ANHANG 1:
wir sehen auf dem ersten Bild, in stehender Position:
SERGE STAUFFER, der einzige lebende Doppelgänger auf dem Bild, wurde im Mai 1967 als Bürger von Signau Bern geboren und seine Eltern waren Gainsbourg-Fans. Er arbeitet in einem pädagogischen Beruf, macht technoide Musik und witzige Passantenbefragungen auf den Strassen von Bern, siehe http://weggli-tv.com . Er sieht aus wie eine Mischung aus Buster Keaton und einem Kaurismäki-Schauspieler und müsste unserer Meinung nach unbedingt zum Film.
MARCEL DUCHAMP, das Original 1887-1968 - hier ein französischer Weinhändler mit einer Weissweinflasche von 1985, entdeckt von Verleger Theo Ruff auf einer Frankreichreise, noch zu Lebzeiten meines Vaters. ANTONIO SOLER, der spanische Barockmusiker lebte von 1729-83 - hier das Werbeschild eines spanischen Olivenhändlers um 1900. TIM BUCKLEY, Gesangsgenie aus Los Angeles 1947-75 - hier ein britischer Doppelgänger mit einer Bildhüllen-Singl aus aus den frühen 60er Jahren, Fundstück auf Ebay.

ANHANG 2
enthält eine Variation des Konzeptwerkes in sitzender Position.

ANHANG 3
enhält das alleinige Portrait von SERGE STAUFFER (*1967), welches auch auf seinem Facebook-Eintrag erscheint.

ANHANG 4
enthält als PDF ein spannendes und liebevolles Portrait, welches der Hamburger Journalist KONRAD HEIDKAMP (1947-2009) im Sommer 1989 für "Die Zeit" schrieb, dort aber solange in der Schublade liegen blieb, bis es für den Artikel auf der Seite "Leben" zu spät war. Umgwandelt als Nachruf ist im Oktober 1989 die Zürcher Wochenzeitung in die Bresche gesprungen. Heidkamp hat u.a. zwei wunderschöne Bücher verfasst: "It's all over now - 40 Jahre Rock und Jazz" und "Sophisticated Ladies - Junge Frauen über 50" (mit Portraits von Laurie Anderson, Jane Birkin, Carla Bley, Yoko Ono, Patti Smith u.v.a.

ANHANG 5
enthält als PDF die Kurzbiografie meines Vaters, welche ich für das 1992 erschienene posthume DUCHAMP-Buch "Interviews & Statements" verfasste.

****************************************************************************

Hinweis am Rande: Der gemusterte Anzug, den SERGE STAUFFER (*1967) auf den Fotos trägt, stammt aus dem Nachlass meines Vaters, der diesen Zweiteiler mit Gilet vermutlich nur ganz selten trug, aber ganz bestimmt an diesem Anlass:

8. märz 1968 "the nine sense show" kleintheater am bundesplatz, luzern - inhaber: emil steinberger (!) show mit dias, fernseh-grossprojektion, film, musik, text. ein abend in 9 akten unter mitwirkung von fredi murer, georg radanowicz, markus raetz, renzo schraner, anton bruhin, doris stauffer, salome stauffer und peter schweri samt hund rudolf arnold schrieb darauf in der tageszeitung "neue presse" (damals kurzlebiges konkurrenzblatt zum "blick"), am 11. märz 1968 auf seite 7 mit foto unter dem titel "sinniges happening":

"die avant-garde, auch aus dem entfernten ausland, war für diesmal in luzern versammelt... äpfel gegen karies wurden verteilt, rauch und wind erzeugt, herr stauffer wurde vergeblich mehrere male ans telefon gerufen, ein hund leckte herrchens schuhe auf der bühne, seifenblasen, radiolärm, cellomusik usw. all dies störte eigensinn-spezialist stauffer nicht, er blieb standhaft, bis einem hören und sehen verging und der hinterste, seinem tastsinn folgend, den saal verliess. - grosser sieger über die entfesselten sinne war schlussendlich serge stauffer."

noch köstlicher beschrieb ulio die veranstaltung im luzerner tagblatt am 11. märz 68 unter dem titel "zu schön, um show zu sein":

"scharenweise hatten sich die von den holden musen geküssten töchter und jünglinge mit ihren mitläufern am freitagabend im kleintheater eingefunden, um bei serge stauffers "the nine sense show" den besucherrekord zu brechen. dabeisein bedeutete an diesem abend alles: neber einer "antennen"-equipe aus dem studio bellerive schlugen sich selbst die sattsam bekannten zürcher hippies (und solche, die es gern sein möchten) noch rechtzeitig per autostopp bis luzern durch... was die zuschauer, zuhörer und mitakteure im zweiten teil erlebten, entsprach durch und durch dem, was sie sich gewünscht hatten. kurz: sie kamen auf ihre rechnung, und stauffers vorsatz, "volkstümlich" zu sein, erfüllte sich..."

eine weitere kostprobe eines zeitungsberichts aus der zeit, aarau herbst 1967:

"stauffer ist kein mann des wortes. er versteht es aber, zu komponieren, dinge zu arrangieren, und zu inszenieren. - sein vortrag im rahmen des sommerstudios lebte denn auch durch die ausgezeichnete auswahl der bilder, durch das verhältnis der bilder zueinander. der abend zog seinen gewinn aus der guten abfolge der darbietungen und weniger aus dem, was stauffer dazu zu sagen hatte. - stauffer ging den brennenden rändern des gebietes entlang, das wir immer noch mit dem alles ins ästhetische drehende wort "kunst" bezeichnen. er zeigte erstaunlich deutlich, wie sich das feuer in immer neue gebiete vorfrisst, immer neue aspekte der wirklichkeit ergreift, erzeugt und verschlingt. er zeigte auch, wieviel anfeuerholz bei diesem prozess verbraucht wird, wieviele werke zum verbrennen entstehen müssen, um ein erträglich warmes, dem wachstum der kunst günstiges klima zu erzeugen. die kommentare stauffers waren sympathisch, von wenig vorurteilen gefärbt, aber glücklicherweise nicht ohne engagement vorgetragen. treffend traf stauffers kommentar hin und wieder heiter daneben. aber bei aller hinfälligkeit schuf seine lose gezettelte sprache doch verständnis. kurz: es war ein ausgezeichneter abend, der der sache gerade durch das vorherschen des bildes, des optischen, einen grossen dienst erwies."

besprechung der show "modern art et zettera" vom 14. juni 1967, von heiny wiedmer in "aargauer blätter" nr. 73, oktober 1967

Danke & Gruss, Veit F. Stauffer, Zürich 8. Juni 2009

PS. Wer heute eine Flasche Wein öffnen oder eine Kerze anzünden möchte, die Geburtszeit von Serge ist dazu ideal: nämlich 22h45 (10.45 pm)